257ers melden sich mit „Hömma!“ zurück

„Wir war’n dabei, als du das erste Mal gekifft hast / Wir war’n dabei, als dann der Hase voll gekickt hat / Du hast getrichtert auf’m Festival mit uns / Und du hast mit uns im Ohr drin auf dem Zeltplatz gebumst“, rappen die 257ers auf „Mit uns“, einem Song, den das Duo in diesem Frühsommer mitten in die Corona-Pandemie hinein veröffentlicht hat. Nun ist „Mit uns“ gar nicht auf dem neuen Album der Rapper aus Essen zu finden, aber was die beiden da sagen, stimmt halt einfach: Mike und Shneezin machen das Ding nicht erst seit gestern, sondern genaugenommen seit fast 15 Jahren – und in diesen anderthalb Dekaden haben sie mit ihren Party-Hymnen zwischen Endlos-Reimketten, Mitgröhl-Melodien und legendären Festivalauftritten eine ganze Generation geprägt und den Radius ihrer Mutanten dabei stetig erweitert.

Man könnte das in dieser von Aufmerksamkeitsökonomie getriebenen und auf Playlisten-Positionierungen fixierten Zeit fast vergessen. Zumindest ist es fast eine halbe Ewigkeit her, dass die 257ers die richtig dicken Bretter gebohrt haben. „Holz“ zum Beispiel. Dafür gab’s Platin. Für „Holland“ immerhin Gold – und die Einslive Krone als Beste Band 2016 noch dazu. Außerdem auf der Agenda: Heiraten und Kinderkriegen beziehungsweise -machen. Ja, auch Mutanten werden irgendwann Erwachsen. Dass dieser unaufhaltsame Verfall des menschlichen Körpers mit allen Vor- und Nachteilen aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass man das mit der Musik irgendwann bleiben lässt, davon zeugt das achte Studioalbum der 257ers, das den Titel „Hömma“ trägt.

„Wegen Ruhrpott“, sagt Shneezin, „und, weil uns nichts Besseres eingefallen ist.“ So einfach isses manchmal. Was die Songs angeht, haben die 257ers sich aber dann doch einiges einfallen lassen. „Wir wurden ja eh nie als die coolen Rapper angesehen“, sagt Mike, „deshalb können wir auch komplett drauf scheißen und uns von allen Regeln des Rap-Kodex freimachen.“ Wer glaubt, dass das nichts Neues und schon immer die Kernkompetenz des Duos war, dem sei „Hömma“ wärmstens ans Herz gelegt. Denn auf Album Nummer 8 nimmt dieser Vorhaben gänzlich neue Formen an. Das beginnt schon bei den Produktionen. Natürlich haben Voddi und Tilia in bester 257ers-Tradition wieder jede Menge Elektronisches in den Arrangements verbaut. Aber mit Barsky wehte dieses Mal im Studio auch ein neuer, ganz anderer Wind. Frischer – und vor allem auch organischer. „Wer Songs wie ‚Elton John‘ von uns kennt, weiß ja, dass wir schon immer Bock darauf hatten, musikalischer zu klingen, aber wir haben das nie auf die Kette bekommen“, erzählt Mike.

Mit Barsky, seines Zeichens Schlagzeuger, Bassist und vor allem Gitarrist, ändert sich das schlagartig – und mit einem Mal steht da ein Haufen von Songs, die so ziemlich jedes Genre abseits von Rap bedienen. Von waschechten Pop-Songs bis hin zu Live-Bangern, die einem gehörig auf die Fresse geben. „Nur weil Corona ist, heißt das noch lange nicht, dass wir keine Musik machen, die live funktioniert und zu der man abgehen kann“ erklärt Shneezin. „Schreien, laut sein, eskalieren, schnell rappen – das kriegt man aus den 257ers auch während einer Pandemie nicht heraus.“ Das beste Beispiel: „Roboterpferd“, der Song über den mechanischen und per Münzeinwurf betriebenen Kaltblüter, der mal Cindy aus Marzahn gehört hat, mittlerweile aber Teil des Bandinventars der 257ers ist und auf dem Mike und Shneezin zu schrammelnden Country-Gitarren Richtung Sonnenuntergang reiten – und zwar so jung, wild und frei, dass selbst Lil Nas X neidisch werden dürfte.

Apropos Gitarren: „Vom Saufen kriegt man Durst“ klingt wieder ganz anders und ist musikalisch ein Best of aller Punk-Songs von Bands mit Zahlen im Namen – von Blink 182 bis Sum41. Aber inhaltlich einfach nur dem Exzess zu feiern, wäre zu einfach. Stattdessen geht es um genau den Moment, in dem der Kater dem Konterbier weicht und der Exzess wieder von vorne losgeht. Man kennt es. Genau wie den Möbelhaus-Wahnsinn zwischen Köttbullarkoma und Kartonjonglage, den die 257ers in „IKEA“ auf den Punkt bringen – nicht, ohne auch ein klitzekleines bisschen Kritik an Pseudowohlfühlvibes auf Pressspanmöbeln zu üben. „Wasser wie Jesus“ ist ein Schlager mit Schunkelfaktor, der in der Tradition von „Holland“ und „Holz“ dem kalten, klaren H2O huldigt. „Keiner hat Geburtstag“ macht gemeinsam mit SDP zu Dubstep-Bässen Party ohne Grund und „Warteschleife“ mit Alligatoah ist die etwas andere Telefontherapie.

Und dann ist da noch „Zuhause“ – weder überschwängliches Loblied, noch verklärte Liebeserklärung an Essen und den Ruhrpott, sondern einfach eine Hommage an die eigene Heimat – so ehrlich und direkt, wie die Region selbst, ganz ohne den doppelten Boden oder das Augenzwinkern, das man sonst von den Jungs kennt. „Wir wollten gerne einen Song machen, den alle fühlen können, die von hier kommen – die Jungen genauso wie die Alten. Wir haben immer wieder Songs über Essen angefangen, die aber alle zu klamaukig waren. Erst, als wir das für uns typische Augenzwinkern weggelassen haben, ist der richtige Song entstanden.“

„Besser gelaunt“ bringt Beziehungen endlich mal auf den Punkt, wie sie wirklich sind, während „Jedes Ende hat zwei Seiten“ auf ungewohnt melancholische Weise den Tod der Väter von Mike und Shneezin verhandelt. Denn bei all dem gewohnten Abgeh-Material muss man anerkennen, dass „Hömma“ vermutlich das bisher persönlichste Album der 257ers ist. „Wir haben unseren daily struggle zum Prinzip gemacht“, erklärt Mike. „Wir wollen immer noch die kaputten Asis sein, die die ganze Nacht im Studio hängen. Aber das geht halt nicht mehr, weil man sonst morgens nicht pünktlich am Kindergarten ist – und das spiegelt sich auch in den Songs wieder.“

Und auch darin, womit Mike und Shneezin sich gerade abseits der Musik beschäftigen. Seien es absurde TikToks oder der bandeigene YouTube-Channel auf dem die beiden nicht nur neue Akk!-TV-Folgen veröffentlichen, in denen sie sich beim Spieleabend die Köpfe einschlagen oder Influencer und YouTuber von MontanaBlack bis Bibis Beauty Palace durch den Kakao ziehen, sondern in der studioeigenen Kneipe mittlerweile auch Gäste von Pedaz & Kay Shanghai über BattleBoiBasti bis Gewitter im Kopf zum Talk über Gott und die Welt begrüßen. Aber Hand aufs Herz: Irgendwas fehlt trotzdem. „Natürlich vermissen wir die Bühne. Wir sind einfach eine Live-Band und hoffen, dass es bald wieder losgeht und wir mit den Mutanten abreißen können.“ Aber weil das vermutlich noch bis nächstes Jahr dauern dürfte, kommt jetzt erstmal „Hömma“. Ist doch auch was. Abgehn‘!