Erfolgreichste Faultier-Zuchtgruppe lebt im Tierpark Nordhorn
Erfolgreichste Faultier-Zuchtgruppe lebt im Tierpark Nordhorn – Mitarbeiter blicken auf 20 Jahre Zuchterfahrung zurück
Sie leben nicht nur im Faultiergehege am großen Spielplatz, sondern auch hinter den Kulissen
und seit einigen Wochen sogar in einem Extra-Abteil bei den Totenkopfaffen! Die Rede ist von
den Zweifinger-Faultieren (Choloepus didactylus), die seit über einem viertel Jahrhundert im
Tierpark Nordhorn gehalten werden.
Mit aktuell neun Tieren belegt der Familienzoo gerade den Spitzenplatz der größten
Faultiergruppe Europas, dicht gefolgt von einem Zoo in Belgien. „Das ist aber gar nicht unser
Ziel“, erklärt Kuratorin und Zootierärztin Dr. Heike Weber, die für die Faultiere verantwortlich ist
und fügt an: „Wir haben nur kurzzeitig so viele Tiere, da wir lange auf die Abgabe-Empfehlungen
der Zuchtbuchleiterin warten mussten“.
Die Zucht und Abgabe der Zweifinger-Faultiere wird in einem sogenannten Ex-Situ
Zuchtprogramm (EEP) des Europäischen Verbandes der Zoos und Aquarien (EAZA) geregelt,
dessen Mitglied auch der Tierpark Nordhorn ist. Die Zuchtbuchkoordinatorin aus dem Zoo Halle
stand und steht immer noch vor der Herausforderung, dass anhand von neuen genetischen
Untersuchungen alle Faultiergruppen umstrukturiert werden müssen. Kein leichtes Unterfangen
die vielen Tiere aus den Europäischen Zoos genetisch neu zu berechnen, Empfehlungen für den
Tausch von Tieren, die Zucht oder gar einen Zuchtstopp auszusprechen.
Auch im Tierpark Nordhorn hat sich aufgrund der aktuellen Berechnungen schon einiges
geändert. „Unser Zuchtmann Sid musste die Faultiergruppe verlassen und teilt sich nun mit
seinem letzten Sohn Otto einen Gehegeteil bei den Totenkopfaffen. Als erfolgreichstes
Männchen im Zuchtprogramm mit insgesamt 25 Nachkommen ist er genetisch
überrepräsentiert in der Zoopopulation und soll sich daher derzeit nicht mehr fortpflanzen“
erklärt Weber. Otto wird in Kürze in den Niederländischen Zoo in Emmen umziehen.
Die Nordhorner Faultiergeschichte
Zweifinger-Faultiere werden im Familienzoo seit dem Jahr 2000 gehalten, als die ersten drei Tiere
(das Männchen Diego sowie die Weibchen Efra und Tinka) in den Grafschafter Zoo einzogen.
Insgesamt 4 Faultiere brachte die Nordhorner Gründergruppe zur Welt, bevor Diego abgegeben
wurde und die beiden Weibchen verstarben. Die heutigen Weibchen Gyspie und Wutz sind zwei
dieser Nachkommen, die im Familienzoo verblieben und mit dem aus Wien stammenden
Männchen Sid seit 2011 die neue Zuchtgruppe bilden. Es ist mittlerweile die erfolgreichste
Zuchtgruppe des Europäischen Ex-Situ-Zuchtprogrammes, denn beinahe in jedem Jahr brachten
beide Weibchen ein Jungtier zur Welt! Im Zoo witzelte man bereits, ob der Erfolg von Sid bei den
Faultierdamen vielleicht an seinem Wiener Charme gelegen haben könnte.
Das Faultierweibchen Gypsie wurde 2008 in Nordhorn geboren und ist damit ein Jahr älter als
ihre Schwester Wutz. Die Mutter der beiden Weibchen, Efra, verstarb leider knapp vier Wochen
nach der Geburt von Wutz, so dass diese in die Handaufzucht genommen werden musste.
Dennoch schafften es die Tierpfleger Wutz nicht auf Menschen zu prägen, denn sie bekam vor
wenigen Tagen bereits ihr 12. Jungtier! Die anderen 13 Nordhorner Jungtiere brachte Gypsie zur
Welt. 7 davon zog sie erfolgreich auf, 6 verstarben sehr früh, wobei es sich einmal sogar um eine
Drillingsgeburt handelte. Eine absolute Rarität bei Faultieren, die in der Regel nur 1 Jungtier
bekommen.
Wenig erforscht
In den Bereichen Haltung, Fütterung, Aufzucht und tiermedizinische Behandlung von Faultieren
gibt es noch einiges an Forschungsbedarf. Faultiere sind Einzelgänger, die in der Natur recht
versteckt in den oberen Baumkronen der süd- und mittelamerikanischen Regenwälder
überwiegend in der Dämmerung oder nachts auf Nahrungssuche umherklettern. Dabei
bevorzugen sie Blätter von bestimmten Bäumen, die wir in Europa durch Laub unserer
einheimischen Baumarten, Pelletfutter, Gemüse und Salat ersetzen müssen. Gerade Geburten
kann man im Freiland nur selten beobachten. Gibt es dabei Probleme, bedeutet das für
neugeborene Faultiere oft den Tod. Denn sind sie zu schwach sich selbständig am Bauch ihrer
Mutter festzuklammern, so fallen sie aus großer Höhe herunter und sterben. Die
Jungtiersterblichkeit bei allen Tierarten ist im ersten Lebensjahr extrem hoch – je nach Tierart
zwischen 50-90%! Auch unter besten Haltungsbedingungen im Zoo überleben nie 100% aller
Jungtiere, jedoch weitaus mehr als im Freiland.
„Gerade bei unseren Faultieren hier in Nordhorn haben wir über all die Jahre sehr viele
Erfahrungen sammeln können, die ich auch immer wieder gerne an andere Zookollegen
weitergebe“, wirft die Zootierärztin ein. „Nordhorn hat sich den Ruf als kleines „Expertenteam“
erarbeitet, vor allem, was die erfolgreiche Jungtieraufzucht mit Zufütterung auf den Muttertieren
angeht. Aber auch Handaufzuchten, das Tiertraining und tiermedizinische Behandlungen haben
unser Wissen über Faultiere deutlich vergrößert!“ sagt Weber auch mit Blick auf das engagierte
Tierpflegerteam.
Vorläufiger Zuchtstopp
Wer zu viel Erfolg hat und sich bereits zu stark vermehrt hat, der muss ein wenig pausieren. „Es
ist natürlich sehr schade, dass durch die extrem gute Nordhorner Nachzucht nun erstmal ein
Zuchtstopp ansteht“, so Zoodirektor Dr. Nils Kramer. „Ein weiteres Jungtier kann 2026 aber
noch kommen, wenn wir davon ausgehen, dass Gypsie ebenfalls noch einmal Nachwuchs zur
Welt bringt!“ so Kramer weiter.
Beliebtes Zooschul-Programm
Größter Beliebtheit erfreut sich bereits seit Jahren das Programm „Lieblingstier Hautnah“ –
insbesondere bei den Faultieren. Dabei erfahren die 2-3 Teilnehmer zunächst viel
wissenswertes über die ungewöhnlichen und biologisch sehr beeindruckenden Säugetiere.
Anschließend dürfen die Teilnehmer gemeinsam mit einem Tierpfleger die langsamen und
behäbigen Tiere füttern oder ihre Fellstruktur fühlen – ein sehr besonderes und intensives
Erlebnis.
Text: Tierpark Nordhorn
Foto: Jörg Everding
