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Persönlicher Nachruf: Gunther von Hagens ist tot – Ein Mann, der den Tod sichtbar machte und das Leben erklärte

Es gibt Menschen, die hinterlassen Spuren. Und es gibt Menschen, die eine völlig neue Sicht auf die Welt schaffen. Gunther von Hagens gehörte zweifellos zu Letzteren.

Der Erfinder der Plastination ist am 24. Juli 2026 im Alter von 81 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die Welt einen Mediziner, Wissenschaftler und Visionär, der wie kaum ein anderer den menschlichen Körper entmystifizierte – und gleichzeitig Millionen Menschen für Anatomie, Medizin und das Wunder des Lebens begeisterte.

Ich selbst durfte Gunther von Hagens mehrfach persönlich treffen. Was dabei besonders in Erinnerung bleibt, war nicht nur sein unverwechselbares Auftreten mit dem schwarzen Hut, sondern vor allem seine außergewöhnliche Aura. Er war ruhig, zugewandt, höflich und zugleich von einer beeindruckenden Klarheit. Gespräche mit ihm hatten etwas Besonderes. Er sprach über den Tod nie sensationsheischend – sondern mit großem Respekt vor dem Leben.

Vom DDR-Häftling zum weltbekannten Anatom

Geboren wurde Gunther von Hagens am 10. Januar 1945 als Günther Liebchen im damals preußischen Alt-Skalden. Nach dem Krieg wuchs er in der DDR auf und studierte Medizin an der Universität Jena.

1969 geriet sein Leben in eine dramatische Wendung. Weil er sich kritisch gegenüber dem SED-Regime äußerte und versuchte, aus der DDR zu fliehen, wurde er verhaftet. Mehrere Monate verbrachte er als politischer Häftling im Gefängnis. Erst durch den Freikauf politischer Gefangener durch die Bundesrepublik Deutschland konnte er die DDR verlassen und im Westen sein Medizinstudium fortsetzen.

Diese Erfahrung prägte ihn nachhaltig. Freiheit – wissenschaftlich wie persönlich – wurde für ihn zu einem zentralen Wert.

Die Erfindung der Plastination

Ende der 1970er-Jahre entwickelte Gunther von Hagens ein Verfahren, das die Anatomie revolutionieren sollte: die Plastination.

Dabei werden Wasser und Fett in menschlichen oder tierischen Geweben durch Kunststoffe ersetzt. Das Ergebnis sind dauerhaft haltbare Präparate, die weder verwesen noch riechen und selbst feinste anatomische Strukturen sichtbar machen.

Was ursprünglich für Forschung und Lehre gedacht war, entwickelte sich später zu einem weltweiten Phänomen.

„Körperwelten“ veränderte den Blick auf den Menschen

Mit der Ausstellung „Körperwelten“ machte Gunther von Hagens Anatomie für Millionen Menschen zugänglich. Echte menschliche Körper wurden in alltäglichen Bewegungen oder sportlichen Posen gezeigt und ermöglichten einen Blick unter die Haut, den zuvor fast ausschließlich Medizinstudierende kannten.

Die Ausstellungen begeisterten weltweit viele Besucher, lösten aber ebenso intensive ethische Diskussionen aus. Für die einen war es Kunst, für andere Wissenschaft – für manche beides zugleich.

Gunther von Hagens begegnete dieser Kritik stets sachlich. Sein Ziel sei niemals Provokation gewesen, sondern Aufklärung. Er wollte Menschen zeigen, wie faszinierend und zugleich verletzlich der menschliche Körper ist.

Körperspenden werden fortgeführt

Mit seinem Tod endet seine Lebensleistung nicht.

Das Institut für Plastination bestätigte gegenüber NordNews, dass das Körperspendeprogramm unverändert weitergeführt wird. Bereits heute haben viele tausend Menschen ihre Bereitschaft erklärt, ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft und Ausbildung zur Verfügung zu stellen.

Auch die Arbeit des Instituts sowie die wissenschaftliche Nutzung der Plastination werden fortgesetzt.

Ein Mensch mit außergewöhnlicher Ausstrahlung

Wer Gunther von Hagens begegnete, traf auf keinen exzentrischen Showman, sondern auf einen äußerst höflichen, nachdenklichen und interessierten Menschen. Hinter der weltbekannten öffentlichen Figur stand ein Mediziner, der von seiner Idee überzeugt war und diese trotz erheblicher Kritik konsequent verfolgte.

Er wusste, dass seine Arbeit polarisiert. Dennoch blieb er seinem Grundsatz treu: Wissen schafft Verständnis – und Verständnis nimmt Angst.

Abschied von einem Visionär

Mit Gunther von Hagens verliert die Wissenschaft einen Pionier, die Medizin einen außergewöhnlichen Anatom und die Öffentlichkeit einen Menschen, der es wagte, Tabus zu hinterfragen.

Sein Name wird untrennbar mit der Plastination und den „Körperwelten“ verbunden bleiben. Seine Forschung, seine Präparate und seine Idee werden jedoch weit über seinen Tod hinaus Bestand haben.

Für viele war er umstritten. Für ebenso viele war er ein Genie.

Wer ihm persönlich begegnen durfte, wird sich vor allem an einen bemerkenswerten Menschen erinnern, dessen außergewöhnliche Persönlichkeit ebenso beeindruckte wie sein Lebenswerk.

Ruhe in Frieden, Gunther von Hagens.

Text und Foto: Marco Schlösser – Das Foto entstand im KÖRPERWELTEN Museum in Berlin